PR-2 Ella Müller

Liebe Delegierte, liebe Freundinnen und Freunde,

hiermit möchte ich mich gerne auf einen Platz im Parteirat von Bündnis 90/Die Grünen in Baden-Württemberg bewerben.

Ich wurde im Juli 1986 geboren und bin in Hamburg aufgewachsen. 2005 kam ich nach Freiburg, um Geschichte und Volkswirtschaftslehre zu studieren und seit 2013 untersuche ich in meinem Promotionsprojekt die Geschichte des US-amerikanischen Anti-Environmentalism – der Gegenbewegung zur Umweltbewegung. Dafür war ich in den letzten Jahren viel in den Vereinigten Staaten unterwegs. Auf diesen Reisen habe ich mich mit Menschen beschäftigt, die auf die Barrikaden gingen, um Umweltschutzmaßnahmen zu verhindern, die gegen Naturschutzgebiete demonstrierten und für Atomkraftwerke kämpften. Hinter meiner Forschung steht eine größere Frage: Wie geht man mit Menschen um, die Veränderungen ablehnen, die aus unserer Sicht Fortschritte und wichtige Errungenschaften darstellen?

Spätestens seit den Pegida-Demonstrationen und dem Aufstieg der AfD beschäftigt diese Frage uns alle. Diese Entwicklungen haben eine große Verunsicherung ausgelöst. Blickt man nach Frankreich, auf die Brexit-Kampagne oder auf den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf erkennt man, dass der aktuelle Rechtspopulismus kein deutsches Phänomen ist. Und man stellt auch fest, dass sich hier nicht nur sozial Schwache oder „abgehängte Modernisierungsverlierer“ erheben. Vielmehr befinden wir uns mitten in einer kulturellen Auseinandersetzung, in der sich anti-progressive Kräfte sammeln und dabei alles ablehnen, wofür Bündnis 90/Die Grünen seit 30 Jahren kämpfen: Toleranz, Vielfalt, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Chancengleichheit und nicht zuletzt Umwelt- und Klimaschutz.

Trotz alledem halte ich es für einen großen Fehler, dieser Bewegung mit Zynismus oder Verdruss zu begegnen. Man muss denen, die sich wütend von Toleranz, Freiheitlichkeit und Solidarität abwenden, mit Selbstbewusstsein, Klarheit und den besseren Antworten entgegentreten. Wie selten zuvor braucht es jetzt Geduld und Kraft, um unsere Überzeugungen zu erklären und Fortschritte zu verteidigen. Vor allem aber müssen wir gelassen bleiben und mutig sein, wenn wir für unsere positive Gesellschaftsvision werben, während andere den Untergang prophezeien.

Mein Vertrauen in unsere Demokratie und unsere Gesellschaft wird von der Tatsache gestärkt, dass die Grünen in zehn Landesregierungen und sieben verschiedenen Koalitionskonstellationen gute Arbeit leisten. In meinen Augen drückt sich darin eine neue Grüne Eigenständigkeit aus, die davon lebt, dass wir Kompromisse erringen, um unseren Zielen näher zu kommen. Wir haben einen klaren Wertekompass, der uns immer wieder dazu antreibt, das Gespräch zu suchen, bis wir unsere Politik umgesetzt haben. All das belegt unsere unverwüstliche Überzeugung, dass sich in einer freiheitlichen Demokratie nur so Probleme lösen und Fortschritte erzielen lassen.

Die erste Mitgliederversammlung, auf der ich in Freiburg war, fand unmittelbar nach dem enttäuschenden Abschneiden von Bündnis 90/Die Grünen bei der Bundestagswahl 2013 statt. An diesem Abend war ich beeindruckt von der Ernsthaftigkeit, mit der dort über den Wahlkampf gestritten wurde. Mir imponierte, wie mutig, offen und kontrovers die Grünen bis tief in die Nacht nach Antworten und Erklärungen suchten. Am Ende ging ich vollkommen erschöpft nach Hause, aber war gleichzeitig zuversichtlich und voller Tatendrang. Ein paar Monate später wurde ich in den Kreisvorstand gewählt und seit 2015 bin ich nun Vorsitzende der Freiburger Grünen. In dieser Rolle versuche ich den Austausch zwischen den Nachbarkreisverbänden, dem Oberbürgermeister, der Gemeinderatsfraktion, zwei Landtagsabgeordneten, unserer Bundestagsabgeordneten und der Basis zu stärken.

Nun bewerbe ich mich für den Landesparteirat. Warum?

Der Optimismus meiner ersten Grünen Begegnungen hier in Baden-Württemberg ist geblieben und gewachsen. Das liegt auch daran, dass ich die Grünen in Freiburg und den benachbarten Kreisverbänden als eine Partei kennen gelernt habe, in der man konstruktiv streitet, um Antworten ringt und im Wahlkampf gemeinsam zupackt. Eine Partei, in der alle Beteiligten zu viel Verantwortungsbewusstsein besitzen, um es sich leicht zu machen und in der man als Ehrenamtliche viel erreichen kann.

Nun stellen wir zum zweiten Mal den Ministerpräsidenten und die größte Fraktion im Landtag. Die Entwicklung von Bündnis 90/Die Grünen in Baden-Württemberg gewinnt an Bedeutung und wir werden dabei immer professioneller. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass es vor allem in dieser Phase wichtig ist, dass die politische Meinungsfindung weiterhin an der Basis stattfindet. Langfristig bleiben unsere größte Stärke unsere Mitglieder: ihre Lust zur Debatte, ihre Suche nach überzeugenden Lösungen und ihr Wille zu Veränderungen. Es ist in meinen Augen die Aufgabe des Landesvorstands, diesen Meinungsfindungsprozess zu ermöglichen. Genauso wichtig ist der enge und vor allem nicht einseitige Austausch zwischen den unterschiedlichen Ebenen: Zwischen den Kreisverbänden in allen Teilen Baden-Württembergs und dem Landesvorstand, zwischen LAGs, der Landesregierung, der Fraktion und den grünen Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitikern vor Ort. Dafür ist es wichtig, dass im Parteirat ehrenamtliche Basismitglieder mitentscheiden, deren Stärke auch in ihrer gedankliche Unabhängigkeit liegt.

 

Zwei Themen haben mich in den letzten Jahren besonders beschäftigt.

  1. Seit über zehn Jahren studiere, arbeite und forsche ich an der Uni Freiburg. In dieser Phase hat die Grüne Hochschulministerin viele Verbesserungen angestoßen und umgesetzt. Dabei werden die Anforderungen an eine moderne und nachhaltige Hochschulpolitik komplexer: Studierende erwarten im Hochschulstudium eine umfassende Berufsvorbereitung und fordern gleichzeitig Freiräume. Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler sollen unabhängig forschen und erleben prekäre und hierarchische Beschäftigungsverhältnisse. Gleichzeitig steigt die Gesamtzahl der Studierenden, während Ausbildungsbetriebe große Probleme haben, qualifizierten Nachwuchs zu finden. Es ist Aufgabe der Hochschulpolitik, diese unterschiedlichen Anforderungen auszutarieren, langfristige Perspektiven zu entwickeln und aktionistischen Schönheitskorrekturen zu widerstehen.
  2. Die Situationen von Frauen hat sich in den letzten drei Jahrzehnten in Deutschland unglaublich verbessert – davon profitiere ich täglich. Diese Fortschritte bringen aber auch neue Herausforderungen mit sich: Wie vermittelt man unsere politischen Forderungen an junge Frauen, deren Erfahrungen ganz andere sind als in früheren Generationen, die Quoten ablehnen oder Frauenförderung unnötig finden? In den letzten Jahren wurde darüber hinaus sichtbar, in welchem Ausmaß Frauen auch heute noch mit Sexismus konfrontiert sind. Diese scheinbar widersprüchlichen Entwicklungen fordern auch von uns differenzierte Antworten und nicht selten neue Legitimationsstrategien in der Frauenpolitik. Darüber hinaus bringt die Emanzipation auch neue Verantwortungen mit sich, die Frauen auf sich nehmen. Es ist Aufgabe der Politik, hierfür die Rahmenbedingungen zu schaffen und daran möchte ich mitarbeiten.

Für diese Themen und Ziele will ich mich in Stuttgart engagieren und hoffe am 19. November auf eure Unterstützung. Vielen Dank!

Ella

Biografie

  • Jahrgang 1986
  • seit 2013 Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen
  • seit 2014 im Kreisvorstand von Bündnis 90/Die Grünen in Freiburg
  • seit 2015 Kreisvorsitzende in Freiburg
  • 2015/16 Mitglied der Freiburger Wahlkampfkommission für die Landtagswahl 2016

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